Der Heizkörper tickt in der Ecke – dieses winzige metallische Geräusch, das man nur bemerkt, wenn es im Raum zu still ist. Auf dem Sofa streitet ein Paar in dicken Socken über eine Zahl am Thermostat. 19 °C. „Das soll gesund sein“, beharrt die eine Person. Die andere zieht die Strickjacke enger und murmelt etwas davon, dass man ja gleich im Kühlschrank wohnen könne.
In Küchen, Büros, WG-Zimmern wiederholt sich dasselbe Gespräch den ganzen Winter über. Die Rechnungen steigen, die Winter fühlen sich „durcheinander“ an, und unsere Körper sind nicht alle gleich. Und doch hängt der alte Rat noch immer in der Luft wie eine in Stein gemeißelte Regel: 19 °C – und kein Grad mehr.
Was, wenn diese Zahl im Jahr 2026 keinen Sinn mehr ergibt?
Warum die alte 19-°C-Regel nicht mehr zum echten Leben passt
19 °C stammen aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, in der die Dämmung schlechter war, Energie günstiger und Kampagnen für die öffentliche Gesundheit eine einfache Zahl brauchten, die sich alle merken konnten.
Fachleute nutzten sie als Kompromiss zwischen Komfort, Kosten und Emissionen. Nicht perfekt, nur „gut genug“.
Heute sind Wohnungen extrem unterschiedlich. Manche sind Passivhäuser, die kaum Wärme verlieren. Andere sind feuchte Mietwohnungen mit Einfachverglasung und zugigen Türen.
Ein fixes Ziel wirkt plötzlich grob – für eine so chaotische Realität.
Energieforschende weisen inzwischen darauf hin, dass 19 °C nie als sakrosankte Schwelle gedacht waren. Es war eine Richtlinie für einen „durchschnittlichen“ Erwachsenen, in „angemessener“ Kleidung, der sich tagsüber etwas bewegt.
Schauen Sie sich um: Viele arbeiten im Homeoffice und sitzen stundenlang still. Kinder spielen auf kalten Böden. Ältere Angehörige spüren die Kälte bis in die Knochen.
In Großbritannien empfiehlt der NHS für Wohnräume bereits rund 21 °C, besonders für vulnerable Menschen. In Skandinavien sind 21–23 °C in modernen, gut abgedichteten Wohnungen üblich.
Ein Standard spiegelt nicht mehr wider, wie wir tatsächlich leben.
Dazu kommt die gesundheitliche Seite. Kalte Innenraumluft kann Atemwegsprobleme verschlimmern, Gelenkschmerzen auslösen und bei manchen Erwachsenen den Blutdruck erhöhen.
Forschende warnen, dass langandauernder Aufenthalt in zu wenig beheizten Wohnungen alles andere als harmlos ist – besonders wenn Menschen aus Kostengründen die Heizung stark reduzieren.
Umgekehrt trocknet Überheizen auf 24–25 °C die Luft aus, stört den Schlaf und frisst das Energiebudget.
Deshalb verschieben Expertinnen und Experten das Ziel leise: 20–21 °C für die meisten Haushalte, mit mehr Nuancen nach Alter, Gesundheit und Raumtyp. Die Regel ist keine einzelne Zahl mehr. Sie ist ein Bereich – angepasst an echte Menschen.
Der neue Sweet Spot: Temperaturbereiche statt magischer Zahl
Statt sich an 19 °C festzuklammern, sprechen Fachleute für thermischen Komfort heute in Bereichen.
Ihre neue Basislinie für die meisten gesunden Erwachsenen zuhause liegt tagsüber in Wohnbereichen bei 20–21 °C. Schlafzimmer dürfen kühler sein, etwa 17–19 °C – sofern die Bettdecke passt.
Für Babys, ältere Erwachsene oder Menschen mit chronischen Erkrankungen steigt die sichere Zone etwas an, oft auf etwa 21–22 °C im Hauptraum.
Die Zahl am Thermostat ist weniger ein Gesetz als ein Ausgangspunkt zum Feinjustieren.
Nehmen wir Emma, 34, im Homeoffice in einem ausgebauten Dachgeschoss.
Bei 19 °C wurde sie das Kältegefühl nie los – selbst mit Pullover. Die Hände blieben eisig auf der Tastatur, die Schultern verkrampften, die Produktivität fiel am Nachmittag ab.
Sie stellte auf 20,5 °C, legte einen kleinen Teppich unter den Schreibtisch – und plötzlich fühlte sich der ganze Tag anders an.
Die Heizkosten stiegen, ja, aber nicht dramatisch. Entscheidend war ein minimal wärmerer Raum kombiniert mit klügeren Gewohnheiten: Türen schließen, Heizen nach Arbeitszeiten takten, nachts schwere Vorhänge nutzen.
Die neuen Empfehlungen beruhen darauf, wie unser Körper Wärme ausbalanciert.
Wenn man still sitzt – etwa vor dem Laptop –, produziert der Körper weniger Wärme, deshalb fühlt sich 19 °C härter an, als es Umfragen aus den 1980ern nahelegen.
Expertinnen und Experten berücksichtigen heute Kleidung, Aktivitätsniveau, Luftbewegung und sogar Luftfeuchtigkeit. Trockene Luft bei 20 °C kann kälter wirken als leicht feuchtere Luft bei gleicher Temperatur.
Die Idee „auf 19 stellen und fertig“ verblasst. Die moderne Leitlinie heißt dynamischer Komfort: etwas wärmer, etwas smarter – zugeschnitten darauf, wie Sie leben.
So stellen Sie Ihre neue Temperatur ein … ohne dass die Rechnung explodiert
Die wirksamste Methode ist langweilig simpel: Erhöhen Sie in kleinen Schritten und beobachten Sie.
Starten Sie bei Ihrem aktuellen Wert, dann erhöhen Sie um 0,5–1 °C für drei Tage. Achten Sie darauf, wie sich Ihr Körper morgens, nachmittags und spät abends anfühlt.
Beobachten Sie Hände und Füße, Stimmung und Schlaf.
Wenn Sie sich noch immer verkrampft und kalt fühlen, erhöhen Sie weitere 0,5 °C. Wenn Sie stickig werden und müde, gehen Sie wieder ein Stück runter.
Versuchen Sie, Ihr Zuhause in Temperaturzonen aufzuteilen, statt alles gleich zu heizen.
Halten Sie den Hauptwohnbereich in dem 20–21-°C-Band, wo Sie wirklich Zeit verbringen. Flure und selten genutzte Räume dürfen kühler werden.
Viele schlafen auch besser, wenn das Schlafzimmer etwas kühler ist und man mit Decken arbeitet statt mit höherer Lufttemperatur.
Seien wir ehrlich: Niemand macht das täglich perfekt – aber eine gezielte Einstellrunde zu Winterbeginn kann den Komfort für Monate verändern.
Heizungsfachleute nennen immer wieder dieselben zwei Fehler, die sie überall sehen.
Erstens: Menschen heizen die ganze Wohnung auf eine Zahl „zur Sicherheit“, sogar Räume, die sie kaum betreten.
Zweitens: Sie vergessen die Basics – dicke Vorhänge, Zugluftstopper, Teppiche auf kalten Böden, Türen zu zwischen warmen und kühlen Zonen.
„Von 19 °C auf 20,5 °C zu gehen, ist nicht der Feind“, sagt ein Bauphysiker. „Wärme in ungenutzten Räumen zu verschwenden, ist es.“
- Setzen Sie ein Tagesziel: 20–21 °C im wichtigsten Wohnbereich.
- Nutzen Sie programmierbare Zeitpläne, passend zu Ihren tatsächlichen Anwesenheitszeiten.
- Halten Sie Schlafzimmer etwas kühler, aber gemütlich mit guter Bettwäsche.
- Dichten Sie Zugluft ab, bevor Sie das Thermostat höher drehen.
- Prüfen Sie die Einstellungen neu nach Kälteeinbrüchen oder Lebensveränderungen (Baby, Homeoffice, Krankheit).
Ein neuer Blick auf Wärme zuhause
Die leise Revolution beim Heizen dreht sich nicht nur um eine Zahl am Thermostat.
Es geht darum anzuerkennen, dass Komfort persönlich ist – und dass der „Durchschnittshaushalt“, auf dem alte Richtlinien beruhten, eigentlich nie existierte.
Wir leben heute in besser gedämmten Häusern, oder in schlecht instand gehaltenen Mietwohnungen, oder in WGs, in denen Rechnungen ständig ein Thema sind.
Der empfohlene Bereich von 20–21 °C ist einfach ein ehrlicherer Startpunkt für diese unordentliche Realität.
Auf einer tieferen Ebene ist die Veränderung eine Einladung, die eigenen Signale wahrzunehmen.
Statt in einem kühlen Raum zu leiden, weil „19 °C angeblich richtig sind“, dürfen Sie auf Ihren Körper hören – auf Schlaf, Stimmung, Wohlbefinden.
Gleichzeitig schiebt uns die Klimakrise weg davon, leere Räume zu heizen und den Regler „vorsichtshalber“ hochzudrehen.
Ein Zuhause mit 20,5 °C, geschlossenen Türen, schweren Vorhängen und warmen Socken ist etwas völlig anderes als ein undichtes Zuhause, das den ganzen Tag auf 23 °C hochgeballert wird.
Wir alle kennen den Moment, wenn man eine Freundin oder einen Freund besucht und sofort spürt, dass deren Zuhause Wärme anders „hält“ als das eigene.
Das ist keine Magie. Das sind Dämmung, Luftfeuchtigkeit, Grundriss, Gewohnheiten … und ja, eine andere Zieltemperatur.
Die 19-°C-Regel hat jahrzehntelang ihren Zweck erfüllt: Sie schärfte das Bewusstsein, als Energieverschwendung grenzenlos wirkte.
Jetzt hat sich das Gespräch weiterentwickelt – in Ihr Wohnzimmer, in die Art, wie Sie an kalten Morgen diesen kleinen Regler drehen und leise Ihren eigenen Sweet Spot zwischen Gesundheit, Komfort und dem finden, was Sie zu zahlen bereit sind.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für Leserinnen und Leser |
|---|---|---|
| Neuer Komfortbereich | Die meisten Fachleute empfehlen inzwischen 20–21 °C für Hauptwohnräume | Hilft, ein realistischeres und gesünderes Ziel als die alte 19-°C-Regel zu wählen |
| Vulnerable Gruppen | Ältere Erwachsene, Babys und kranke Menschen brauchen ggf. 21–22 °C | Senkt Gesundheitsrisiken durch chronische Kältebelastung |
| Smarte Zonen | Unterschiedliche Temperaturen für Wohnzimmer, Schlafzimmer, ungenutzte Räume | Senkt Kosten und verbessert den Alltagskomfort |
FAQ:
- Sind 19 °C jetzt unsicher? Nicht automatisch. Manche gesunden Erwachsenen kommen mit 19 °C gut zurecht – besonders, wenn sie sich bewegen und warme Kleidung tragen. Problematisch wird es, wenn 19 °C als universelle Regel gilt, auch für Babys, ältere Menschen oder Personen, die den ganzen Tag still sitzen.
- Welche Temperatur empfehlen Ärztinnen und Ärzte für Wohnungen? Viele Gesundheitsbehörden nennen für Hauptwohnräume etwa 20–21 °C und für vulnerable Personen etwas mehr. Schlafzimmer dürfen kühler sein, wenn man gut zugedeckt ist und sich wohlfühlt.
- Lässt eine Erhöhung um 1 °C meine Rechnung explodieren? Heizkosten steigen, aber meist moderater als befürchtet. Eine gängige Faustregel liegt bei etwa 5–10 % mehr Energieverbrauch pro zusätzlichem Grad. Gute Dämmung und Zonierung gleichen das oft aus.
- Ist es besser, die Heizung den ganzen Tag niedrig laufen zu lassen oder sie an- und auszuschalten? In gut gedämmten Wohnungen gewinnt oft zeitgesteuertes Heizen, das Ihrem Tagesablauf folgt. In sehr schlecht gedämmten Wohnungen kann eine stabile, etwas niedrigere Temperatur manchmal effizienter sein. Beides jeweils eine Woche zu testen, ist die einzige verlässliche Antwort.
- Was, wenn sich Menschen im Haushalt über die „richtige“ Temperatur streiten? Einigt euch auf einen Mittelwert und arbeitet dann mit Schichten, Decken und kleinen persönlichen Heizern am Schreibtisch. Ein gemeinsames Thermostat muss nicht den Komfort aller diktieren, wenn man Kleidung und Mikro-Zonen nutzt.
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