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Nivea: „Ich habe auf eine Gesichtshälfte die blaue Creme für 1 € und auf die andere eine 490 €-Behandlung aufgetragen – das ist mit meinen Falten passiert.“

Frau trägt in einem Badezimmer vor einem Spiegel Gesichtscreme auf. Dosen von Nivea-Creme stehen auf dem Waschbecken.

Eine britische Beauty-Autorin beschloss, nicht länger zu raten, und führte einen einmonatigen Split-Face-Test durch: Auf eine Wange trug sie Niveas ikonische Creme aus der blauen Dose auf, auf die andere La Mers Kult-Feuchtigkeitscreme. Unter Aufsicht eines Dermatologen wollte sie herausfinden, ob ein Drogerie-Klassiker für etwa 1 Pfund tatsächlich mit einer Luxusformel mithalten kann, die als Hightech-Anti-Aging-Behandlung vermarktet wird.

Warum dieses Duell für dein Badezimmerregal relevant ist

Die meisten von uns wollen im Grunde dasselbe von ihrer Routine: saubere Haut und gute Feuchtigkeit. Reinigung wirkt unkompliziert. Feuchtigkeitspflege ist es weniger. Eine Creme muss heute viele Kriterien erfüllen: Sie soll die Haut weich machen, zum Hauttyp passen und oft gleichzeitig feine Linien, Trockenheit, Rötungen, Unreinheiten oder alles zusammen adressieren.

Der Markt macht die Entscheidung nicht einfacher. Regale sind voll mit Tiegeln, die von Kleingeld bis zu einem halben Wochenlohn kosten. Irgendwann stellt sich fast jede*r dieselbe Frage: Bedeutet ein höherer Preis wirklich bessere Ergebnisse auf der Haut?

Diese einfache Frage brachte die Daily-Mail-Mitarbeiterin Claire Cisotti dazu, etwas auszuprobieren, worüber viele nur reden: ein echtes Duell zwischen einer günstigen Kultcreme und einer luxuriösen Anti-Aging-Ikone.

Der Test verglich Niveas klassische blaue Creme (ca. 1–2 € pro 100 ml) mit La Mers Feuchtigkeitscreme (knapp 500 € pro 100 ml), vier Wochen lang auf gegenüberliegenden Gesichtshälften – unter dermatologischer Aufsicht.

Das Experiment: ein Gesicht, zwei Cremes, vier Wochen

Regeln für das Skincare-Duell

Bevor der Test startete, ließ Cisotti ihre Haut beim Dermatologen umfassend beurteilen. Ihr Hautbild zeigte deutliche Zeichen, die viele mit zunehmendem Alter wiedererkennen:

  • Dehydrierte Haut
  • Sichtbare feine Linien und erste Fältchen
  • Leichte Rosacea und Rötungen

Danach verpflichtete sie sich für einen Monat zu einer strikten Routine:

Linke Gesichtshälfte Rechte Gesichtshälfte
Nivea Creme (blaue Dose) La Mer Feuchtigkeitscreme
Massenmarkt, niedriger Preis High-End, Luxuspreis
Feuchtigkeitsspendend, reichhaltige Textur Feuchtigkeitsspendend, Anti-Aging-Positionierung

Alles andere blieb gleich: derselbe Reiniger, dieselbe Umgebung, derselbe Lebensstil. Nur die Feuchtigkeitscremes wurden gewechselt. So lassen sich Unterschiede leichter den Cremes selbst zuordnen.

Woche eins: überraschend ausgeglichener Start

Nach sieben Tagen gab es keinen dramatischen Unterschied zwischen den Wangen. Beide Seiten wirkten glatter und fühlten sich angenehmer an. Das Feuchtigkeitsgefühl war ähnlich, ohne Spannungsgefühl oder Schüppchen.

Einen kleinen Unterschied bemerkte sie dennoch: Die La-Mer-Seite wirkte etwas weniger gerötet – relevant für alle, die zu Flush oder Rosacea neigen. Aber die grundlegende Hauttextur fühlte sich vergleichbar an. Für einen Tiegel, der etwa 1 € kostet, hielt Nivea bereits erstaunlich gut mit.

In der ersten Woche sahen „Budget“- und „Luxus“-Seite mit bloßem Auge fast identisch aus – beide fühlten sich weicher und geschmeidiger an.

Woche zwei: Rückschlag für die teure Seite

In der zweiten Woche wurde es spannend. Nahe der rechten Nasenseite – also der La-Mer-Seite – traten kleine Unreinheiten auf. Nach ein paar Tagen klangen sie ab, doch die Episode zeigte etwas, das Dermatolog*innen häufig betonen: Ein hoher Preis garantiert nicht automatisch null Irritation.

Abgesehen von diesem Aufflackern fiel es ihr weiterhin schwer, einen klaren Abstand zwischen beiden Wangen zu erkennen. Textur, allgemeiner Glow und der Komfort im Alltag blieben nah beieinander. Entscheidend war zu diesem Zeitpunkt: Die günstigere Creme weigerte sich schlicht, zurückzufallen.

Woche drei: Kolleg*innen erkennen einen Unterschied

In Woche drei bemerkte Cisotti etwas Unerwartetes im Spiegel. Die feinen Linien um das Auge auf der Nivea-Seite wirkten etwas weicher, und diese Wange erschien minimal praller, fast „federnder“.

Weil sie befürchtete, sich das einzubilden, bat sie Kolleg*innen um eine Einschätzung – ohne zu verraten, welche Creme auf welcher Seite war. Alle zeigten auf dieselbe Gesichtshälfte als die besser aussehende: die linke Seite, auf der sie Nivea verwendet hatte.

Jeder Kollegein, die/den sie fragte, wählte die Nivea-Seite als die frischere, glattere Gesichtshälfte. Niemand entschied sich für die La-Mer-Seite.

Die Veränderung war subtil statt spektakulär, aber deutlich genug, um den weit verbreiteten Glauben zu erschüttern, dass eine Luxus-Anti-Aging-Creme automatisch sichtbar mehr gegen Falten bringt.

Woche vier: „Hast du Botox machen lassen?“

In der letzten Woche hatten beide Cremes ihre Haut im Vergleich zum Start klar verbessert. Die Feuchtigkeit war besser, und das ganze Gesicht wirkte erholter. Freund*innen und Familie bemerkten es. Ein Verwandter fragte sogar, ob sie heimlich Botox habe spritzen lassen – was viel darüber sagt, wie deutlich sich das Hautbild insgesamt verbessert hatte.

Doch subjektive Eindrücke reichen nur begrenzt. Um über Vermutungen hinauszugehen, ging sie zur zweiten professionellen Beurteilung zurück zum Dermatologen.

Das Urteil des Dermatologen: Preis vs. Leistung

Nivea punktet bei Feuchtigkeit und feinen Linien

Der Dermatologe verglich nach vier Wochen beide Gesichtshälften – insbesondere Feuchtigkeitsniveau, Rötungen und die Tiefe feiner Linien. Das Ergebnis widersprach dem, was viele Käufer*innen von einer 490-€-Creme erwarten würden.

Laut den Messungen des Dermatologen hielt die Nivea-Seite die Feuchtigkeit besser, zeigte weniger gerötete Stellen und eine sichtbare Reduktion feiner Linien rund um die Augen.

Der Experte schätzte, dass die mit Nivea gepflegte Haut im Vergleich zum Beginn des Experiments etwa fünf Jahre jünger wirkte. Auch die La-Mer-Seite hatte sich gegenüber der ersten Kontrolle verbessert, doch bei den wichtigsten Messwerten lag die günstigere Creme vorn.

Für den Dermatologen unterstrich das Ergebnis eine Kernbotschaft: Eine teure Formel kann luxuriös wirken, edel duften und mit einer Prestige-Story kommen – aber das allein garantiert keine besseren klinischen Resultate.

Warum eine 1-Pfund-Creme mit Luxus mithalten kann

Aus Sicht der Formulierung ist das Ergebnis weniger überraschend, als es klingt. Viele klassische Cremes wie Nivea setzen auf bewährte Inhaltsstoffe wie Glycerin, Paraffin und okklusive Komponenten, die Feuchtigkeit in der Haut „einschließen“. Sie bilden eine starke Barriere an der Oberfläche, reduzieren Wasserverlust und sorgen für mehr „Aufpolsterung“.

La Mer wirbt mit einer komplexen Mischung aus marinen Extrakten und einem langen Fermentationsprozess. Diese Technologie kann für manche durchaus Vorteile bringen. Doch die Hautbiologie reagiert oft am besten auf konsequente, grundlegende Feuchtigkeitsversorgung statt allein auf seltene oder exotische Wirkstoffe. Wird eine reichhaltige, stabile Formel täglich aufgetragen, kann sich die Hautbarriere erholen, Rötungen beruhigen und feine Linien wirken flacher – schlicht, weil das Gewebe mehr Wasser hält.

Was das für dein Skincare-Budget bedeutet

Preisschilder nüchterner lesen

Dieser Fall bedeutet nicht, dass Luxuscremes nie funktionieren oder günstige Produkte immer gewinnen. Haut ist hochindividuell. Manche reagieren schlecht auf schwere, okklusive Cremes. Andere brauchen duftstofffreie Formeln – die klassische blaue Nivea bietet das nicht.

Trotzdem liefert der Test einen nützlichen Realitätscheck dafür, wie wir Skincare bewerten. Ein höherer Preis spiegelt oft wider:

  • Teure Marketingkampagnen und Promi-Kooperationen
  • Prestige-Verpackung und entsprechende Platzierung im Handel
  • Forschung an proprietären Komplexen oder Texturen

Nichts davon übersetzt sich automatisch in bessere langfristige Hautgesundheit. Häufig sind verlässliche Feuchtigkeit, Sonnenschutz und sanfte Reinigung wichtiger als eine lange Liste seltener Pflanzenextrakte.

Das Experiment legt nahe, dass eine solide Routine aus einfachen, wirksamen Produkten manchmal besser sein kann als das große Budget für einen einzigen „Hero“-Tiegel.

Wie du eine Feuchtigkeitscreme wählst, die wirklich zu dir passt

Wer sich fragt, was man mit dieser Erkenntnis anfangen soll, kann sich an ein paar konkreten Punkten orientieren. Bevor du die nächste Trend-Creme kaufst, hilft es:

  • Dein Hauptproblem zu benennen: Dehydrierung, Pigmentflecken, Unreinheiten, Rötungen oder tiefe Falten
  • Auf bewährte Inhaltsstoffe zu achten wie Glycerin, Ceramide, Niacinamid oder Hyaluronsäure
  • Textur und Passung zum Hauttyp zu prüfen (ölig, trocken, Mischhaut, sensibel)
  • Erst eine kleine Menge zu testen, besonders bei reaktiver Haut

Für Anti-Aging betonen Dermatolog*innen immer wieder: Täglicher SPF und konsequente Feuchtigkeitspflege schlagen oft die sporadische Nutzung einer teuren Creme. Sonnencreme, ein sanfter Reiniger und eine gut verträgliche Feuchtigkeitscreme bilden eine starke Basisroutine. Darauf aufbauend können bei Bedarf gezielte Seren, Retinoide oder verschreibungspflichtige Behandlungen ergänzt werden.

Über den Test hinaus: was das über Beauty-Erwartungen sagt

Die Geschichte Nivea vs. La Mer berührt eine größere Spannung in der Beauty-Kultur. Viele Menschen spüren Druck, in ihre Haut „investieren“ zu müssen – als wäre ein günstiger Tiegel ein Zeichen fehlender Selbstfürsorge. Marketing nutzt dieses Gefühl und verknüpft luxuriöse Texturen mit Jugend, Erfolg und Disziplin.

Dieses Experiment bricht diese Erzählung auf. Es legt nahe, dass Realismus statt Schuldgefühl Skincare-Entscheidungen leiten sollte. Konstanz, Verträglichkeit und die Qualität der Inhaltsstoffe können wichtiger sein als Markenstatus. Ein Produkt, das zu deiner Haut passt, in dein Budget fällt und das du wirklich jeden Tag benutzt, hat bessere Chancen, Linien zu mildern, als ein exquisiter Tiegel, der ungenutzt im Regal steht.

Dazu kommt die psychologische Seite: Eine Creme, die sich angenehm anfühlt und gut in deinen Alltag passt, sorgt dafür, dass du dranbleibst. Feuchtigkeit baut sich über Zeit auf. Wenn dir eine 1-Pfund-Feuchtigkeitscreme diesen Rhythmus ermöglicht, kann sie deinem Gesicht mehr bringen als ein Produkt, das du wegen seines Preises nervös und sparsam verwendest.

Für alle, die sich vor dem Älterwerden sorgen, aber Beauty-Hype misstrauen, ist die Quintessenz einfach: Frag dich, was deine Haut wirklich braucht, lies INCI-Listen mit kühlem Kopf – und denk daran, dass beeindruckende Ergebnisse manchmal aus überraschend bodenständigen Produkten kommen.

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